Thema August

Das Symbol der Taube

aus Hazrat Inayat Khan: The Unity of Religious Ideals

(siehe auch Ratgeber)


Der Mensch zeigt in seinem Leben Spuren aller Eigenschaften, durch die der Lehm, der seinen Körper ausmacht, gegangen ist. Da sind Atome in seinem Körper, die aus dem Mineralreich, dem Pflanzenreich und dem Tierreich stammen; all diese zeigen sich in ihm. Nicht nur sein Körper, sondern auch sein Gemüt widerspiegeln all diese Reiche, durch die sie sich entwickelt haben. Das Gemüt ist nämlich das Verbindungsglied zwischen Himmel und Erde. Der Mensch erlebt den Himmel, wenn er sich seiner Seele bewusst ist; er erfährt Erde, wenn er sich seines Körpers bewusst ist. Er erlebt jene Ebene zwischen Himmel und Erde, wenn er sich seines Gemütes bewusst ist. Der Mensch zeigt durch seine Dummheit das Mineralreich, das in ihm ist, dick und hart; er zeigt durch seine Biegsamkeit das Pflanzenreich, durch seine Fähigkeiten zu produzieren und zu erschaffen, aus seinen Gedanken und Taten erwachsen die Blumen und Früchte seines Lebens.

Der Mensch zeigt die Spuren des Tierreiches in ihm, durch seine Leidenschaften, Emotionen und Anhaftungen, durch seine Bereitschaft, zu dienen und nützlich zu sein. Und wenn wir fragen wollten, was zeigt denn das Menschliche in ihm, wäre die Antwort, dass alle Eigenschaften der Erde und des Himmels dies tun, die Stille, Härte und Kraft des Steins, die kämpferische Natur, die Neigung zur Gruppenbildung von den Tieren, die Fruchtbarkeit und Nützlichkeit des Pflanzenreichs; das schöpferische, artistische, poetische und musikalische Genie der Dschinn-Sphäre; die Schönheit, Erleuchtung, Liebe, Ruhe und Frieden der Engelssphären. All diese zusammen machen den Menschen aus. Die menschliche Seele besteht aus all dem, und so kommt in ihr alles zusammen, weshalb die ganze Schöpfung überhaupt stattgefunden hat.

Die Seele, die sich auf der Erde manifestiert, ist nicht abgetrennt von den höheren Sphären. Sie lebt in allen Sphären, doch erkennt sie meistens nur die eine und ist sich der anderen nicht bewusst, so dreht sie ihnen den Rücken zu. Auf diese Weise trennt sich die Seele vom himmlischen Segen ab und wird sich der Sorgen und Begrenzungen des Lebens auf Erden bewusst. Es ist nicht wahr, dass Adam aus dem Garten Eden verbannt wurde; er hat ihm nur den Rücken zugedreht, und so fand er sich im Exil wieder. Die Seelen von Sehern, Heiligen, Meistern und Propheten sind sich der verschiedenen Ebenen bewusst. Aus diesem Grund sind sie auch verbunden mit den Welten der Engel und Dschinns und mit dem Geist Gottes.

Der Zustand von ‘Adam’ ist jener eines Gefangenen, der im Erdgeschoss des Hauses gefangen ist, er hat keinen Zugang zu den anderen Geschossen des Hauses, wo er vielleicht auch wohnen könnte. Das Geheimnis des Lebens ist, dass jede Seele von Natur aus ein Asman oder Akasha ist, ein Behältnis, und in ihr wohnt ein Appetit; und aus allem, an dem sie teilhat, schafft sie eine Bedeckung, die sie wie eine Schale um gibt, und das Leben dieser Schale wird abhängig von der gleichen Substanz, aus der sie geschaffen wurde. Daher wird die Schale empfänglich für alle Einflüsse und ist den Gesetzen jener Ebene unterworfen, aus der sie ihre Nahrung empfängt, oder besser gesagt, die Nahrung für ihre Schale. Die Seele kann sich selber nicht erkennen; sie sieht, was sie umgibt, sie sieht das, worin sie funktioniert; und so erfreut sie sich an der Behaglichkeit der Schale, die sie umgibt, und erfährt die Leiden und das Unbehagen, das zur Schale gehört. Und auf diese Weise wird die Seele eine Verbannte von ihrem Geburtsland, dem Wesen Gottes, dem göttlichen Geist; und sie sucht, bewusst oder unbewusst, immer wieder den Frieden und das Glück des Zuhauses. Gott ist daher nicht das Ziel, sondern die Wohnstatt der Seele, ihr eigentliches Selbst, ihr wahres Wesen.


Vertrauen und Vorstellungskraft sind die Flügel des Vogels,
der in den geistigen Ebenen fliegt.

 

Hazrat Inayat Khan: Gayan - Chalas