Forum November

Grossherzigkeit (1)

aus: Hazrat Inayat Khan -

Message Papers (1. Sept. 1925)

(siehe auch Thema)

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Meine Gesegneten Mureeds,

Im Gemüt eines treuen Hingegebenen an das Werk erhebt sich oft eine Frage, er denkt vielleicht: ‘Wenn ich doch nur Murshid besser kennen könnte’, oder ‘Wenn ich doch nur die Botschaft vollständiger begreifen könnte’. Genügt es meinen treuen Mureeds nicht zu wissen, dass Murshid ein Diener an Gott und der Menschheit ist, und dessen Privileg es ist, aufrichtige Freunde wie Euch zu haben, die in seiner Arbeit zu ihm stehen? Zur Frage, was die Botschaft ist, könnte ich sagen, dass sie nicht an besonderen Dogmen zu erkennen wäre, noch in gewissen neuen Doktrinen, die ihr erhalten habt, ich würde dies nicht die Botschaft nennen. Es gibt auch keine moralischen Prinzipien, die gepredigt werden, um sie Botschaft zu nennen.

Die Botschaft sollte in zwei Aspekten erkenntlich sein. Der eine ist, dass die Menschheit, trotz aller Kultur und Fortschritt, rückwärts geht, und der Grund dafür ist, dass wahrer Idealismus fehlt. Da herrscht ein Schatten von Idealismus vor, und der zieht einen Menschen auf die Erde hinunter. Wahrer Idealismus ist eine Leiter, und sie hilft einem Menschen, jenen Zweck zu erreichen, für den die Welt geschaffen wurde. Ob in Form von Hingabe, in Form von Philosophie, in Form von Mystik, wenn da etwas durch diese Botschaft gebracht wird, sind es die Ideale, die die Seelen adlig machen, und den Seelen dazu verhelfen, ihren Ursprung zu verwirklichen, und dies ist der göttliche Adel. Ein Mensch, der sich jenes edlen Geistes nicht bewusst ist, der in ihm wohnt, bleibt mit allem Reichtum und Rang, den er haben mag, arm.

Der Mangel an Ruhe und Frieden, den wir heute in der Welt finden, der chronisch bleibt trotz allen unterschiedlichen Anstrengungen, Frieden herbeizuführen, zeigt, was fehlt, was in der Menschheit nicht da ist. Ein Idealist muss nicht unpraktisch sein, auch nicht ein Träumer, ein Idealist muss auch nicht phantasiereich sein. Wir können praktischen Sinn haben, gesunden Menschenverstand, wir können alle Dinge in der Welt haben, die notwendig sind, und trotzdem idealistisch sein; dies ist die Lektion, die wir heute lernen müssen. Je tiefer wir die Leben jener studieren, die Reichtum und Position, Rang und Macht haben, am Ende unserer Untersuchung erkennen wir, dass sie zu klein sind für all das, was sie haben; sie sind sehr beschränkt, ihre Augen sind geschlossen.

Und wenn wir mit offenen Augen sehen, erkennen wir, dass jene träumerisch sind, schlafen, und ihre Phantastereien wertlos sind. Niemand, der die menschliche Natur mit den Röntgenstrahlen seines Herzens gesehen hat, wird die Tatsache verneinen, dass in vielen Menschen heute ein Geist wirkt, der keine Möglichkeit hatte, heranzureifen. Und dies ist der Geist des Idealismus, ein Geist, der uns hilft, in die Höhe zu streben, uns zu erheben, ein Geist, der uns hilft, jenen Adel auszudrücken, der in uns Menschen göttlich ist. Wenn die Sufi-Botschaft die Form einer Inneren Schule annimmt, hat sie das eine und gleiche zu geben; eine Leiter für die Menschheit, um sich erheben zu können.

Und Ihr werdet fragen: ‘Wie soll ich definieren, was Idealismus ist?’ Das Ideal ist etwas, das wir vor unseren Augen halten, etwas, das wir nicht leicht erreichen, nicht leicht berühren können, doch können wir es immer sehen und vor uns halten, und versuchen, es eines Tages zu erreichen. Der Mensch, der dieses Ideal bewahrt, empfindet natürlich, seine Phantasie ist anmutig, seine Gedanken wundervoll, seine Handlungen schön, seine Atmosphäre magnetisch.

Es ist dieses Ideal, das das Leben lebenswert macht. Wenn uns die Erde alles geben kann, was wir haben, doch das Ideal nicht, werden wir ihrer bald überdrüssig.

Zweifellos hält uns Menschen das lebendig, wenn wir denken: ‘Ich habe kein Geld’, oder ‘Ich habe keine Macht’, oder ‘Ich habe gar nichts anderes’. Und wenn wir dann warten, streben oder kämpfen wir in diesem Warten darum, diese Dinge zu bekommen, und dies macht uns lebendig und die Zeit verstreicht. Doch wenn wir tief in das Geheimnis des Lebens eintauchen, werden wir erkennen, dass sogar wenn die Dinge, die uns fehlen, uns gehören würden, wir auch dann nicht zufrieden wären. Es gibt nur eine einzige Lebensweise, die sich lohnt, und dies ist, dass wir jemanden haben sollten, zu dem wir aufschauen können, dass da etwas vor uns liegt, das wir erreichen möchten, von dem wir hoffen, dass wir es gewinnen oder erreichen können.

Und auf diese Weise, vom Einen zum Nächsten, kommen wir schliesslich beim Thron Gottes an, jenem Ideal, das sich lohnt, erreicht zu werden, das einzige Ideal, das sich lohnt.


Ein Mensch beweist seine Echtheit, wenn er aufrichtig ist;

seinen Adel, wenn er grossherzig ist,

seine Weisheit, wenn er tolerant ist,

seine Grösse, wenn er ausdauernd ist

durch die immer wieder erschütternden

Einflüsse des Lebens hindurch.

 

Hazrat Inayat Khan: Gayan - Talas


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