Forum November

Religion der Natur

aus: Hazrat Inayat Khan -

In an Eastern Rosegarden

(siehe auch Thema)

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Es ist keine Übertreibung, wenn wir sagen, dass es zahllose Religionen gibt in der Welt, und jede Religion hat so viele unterschiedliche Sekten und Kirchen und Kapellen, dass unser Leben nicht lange genug ist, sie alle zu studieren – es wäre wirklich unmöglich, sie überhaupt zählen zu können in einer Lebensspanne; doch was wir wirklich studieren sollten, zeigt sich als etwas völlig anderes, weil ein Denker erkennt, dass diese vielen unterschiedlichen Religionen aus einer einzigen entsprungen sind.

Religion mag im Osten oder Westen, Süden oder Norden ihren Ursprung haben, doch wird sie immer in vielen Religionen enden. Je mehr wird darüber nachdenken, wie wohl alle aus dieser einen entsprungen sein können, desto klarer wird die Tatsache, dass alle Ausdruck dieser einen Religion sind. Und dies ist die Religion der Natur.

Die Frage, was denn diese Religion genau sei und wie wir sie kennenlernen können, kann nur von jenen beantwortet werden, die sich über die Beschränkungen von Zeremonien und Dogmen erhoben haben, die sie immer am Anfang gelehrt erhielten. Sich über eine Religion zu erheben bedeutet nicht, sie aufzugeben. Es bedeutet, dass wir den vollen Nutzen der Religion erhalten. Jene, die sagen, sie hätten ihre Religion aufgegeben, stehen nicht über ihr; nur jene stehen über ihr, wenn sie den Geist der Religion völlig verstanden haben. Sobald sich der Geist der Religion zeigt, dann sind ihre Augen wirklich gesegnet. Die Unterschiede und Verschiedenheiten von Kasten, Glaubensformen und Religionen lösen sich alle in einem einzigen Augenblick auf.

Wenn wir dies einmal wahrnehmen, dann haben wir auch nichts mehr zu kritisieren; alles ist Eines, welche Form der Anbetung auch Brauch ist, welche Kirche die Menschen besuchen, welches Buch sie lesen. Von diesem Augenblick an sehen wir auch, dass es einen Ketzer nicht geben kann, auch keinen Heiden, kein Unterschied zwischen Kufr und Muslim. Doch solange wir diese Wahrheit nicht erkennen, ist das immer der Gedanke: ‘Welche Religion oder Glaube ich auch habe oder festhalte, die Schriften die ich lese, die Kirche, in die ich gehe, ist die einzige wahre Schrift, die einzig wahre Kirche, der einzig wahre Glaube; das, was ich verstanden und als mein erkannt habe in meinem ganzen Leben, dies ist der einzige Pfad’.

Es ist, wie wenn ein Mensch einen Vogel suchen würde. Er schaut den Zweig an, der immer noch zittert, nachdem der Vogel weggeflogen ist. Er sagt: ‘Oh, da ist der Vogel’; doch er schaut nur den Zweig an, der hin und her schwankt, nachdem der Vogel zuvor für gerade einen Augenblick darauf gesessen hat. Er nennt den Zweig Vogel. Ein andere hat vielleicht gesehen, wie sich ein Ast eines Baumes bewegt, doch diesmal ist der Ast so stark, dass ein Vogel ihn bestimmt nicht hätte bewegen können. Und wenn der Mensch dies nicht verstehe, denkt er, dass der Vogel auf diesem Zweig sässe. So ist es mit der Wahrheit.

Statt dass sie den Geist der Wahrheit verstanden hätten, lernten die Leute, dass Religion im Namen des Lehrers läge. Der Name des Lehrers, der Schriften und die Häusern, in denen Anbetung stattfinden, werden wichtig, die Priester oder Kirchenleute die ein Amt ausüben. Es wird wichtig, Brahmine oder Buddhist zu sein, zu bestimmten Gemeinschaften zu gehören, die im Namen einer bestimmten Religion geformt wurden, zu errichteten Kasten, zu Familien zu gehören; zu jenen Verbänden zugehören, die dafür da sind, einer bestimmten Glaubensrichtung, einer Zeremonie, einem Gesetz zu folgen. Schliesslich wird die Loyalität zu diesem bestimmten religiösen System zum Leben der Menschen, und dies führt zu einer Vernachlässigung – nicht nur einer Vernachlässigung sonder zu wirklichem Hass – gegenüber der Religion, der andere folgen. Auf diese Weise enttanden all die Kriege und Unterschiede, die in allen Zeitaltern aufflackerten.

Wenn wir die Natur studieren, erkennen wir, dass sich die Natur nicht selber erschaffen kann, ohne ihrer Religion Ausdruck zu verleihen. Der Ursprung aller Religion ist Liebe und Schönheit. Wenn da nicht Liebe oder Schönheit wäre, hätte auch Religion nie existiert, weil Schönheit der Anfang von Anbetung und Gebet ist. Der Ursprung des Gebetes und der erste Schritt von Anbetung ist Bewunderung.

Ein Kind weiss nichts von Religion, und doch fühlt es sich vom ersten Augenblick an angezogen von etwas, das schön ist, etwas, das es gernhaben kann. Wenn es älter wird, ist es nur die Form seiner Sehnsucht, die sich ändert; noch immer sucht es, das Objekt der Schönheit zu bekomen. Wenn es noch grösser wird, beginnt es, Schönheit in intellektuellen Dingen zu erkennen. Vor Schönheit verneigt sich ein Mensch. Wenn ein Mensch einem anderen Ehre, Respekt und Ehrfurcht entgegenbringt, ist es wegen der Schönheit, das er in der einen oder anderen Form in einem Menschen wahrnimmt, und er folgt einer natürlichen Neigung, sich vor diesem wunderschönen Lebendigen zu verneigen. Gebet und Anbetung sind Akte des Verneigens vor Schönheit, Akte, die notwendig sind, um die Veranlagung zu befriedigen, mit der jede Seele geboren ist, eine Veranlagung, die wir Liebe nennen. Und es ist jene angeborene Sehnsucht nach Liebe, die ihre Befriedigung findet, indem wir jemanden bewundern, uns vor ihm verneigen, ihn respektieren, Verehrung zu empfinden, jemanden anzubeten.

Die Menschheit geht Schritt für Schritt voran, von einfacher Anbetung bis zur Anbetung des Höchsten, wenn er ein immer höheres Ideal verwirklicht. Wir können dies erkennen, wenn wir die Geschichte der Religionen studieren. Dieses Bedürfnis, respektvoll zu sein, zu idealisieren, brachte Menschen dazu, Idole und Bäume anzubeten. Die einen Menschen betrachten einen bestimmten Baum als heilig. Und sogar wenn wir uns vor Bäumen verneigen, wird dieses Bedürfnis nach Liebe befriedigt, sich demütig zu machen, das Bedürfnis, Respekt und Ehrerbietung entgegenzubringen; und auf diese Weise findet die Liebe im Herzen ihren Ausdruck.

Solche Menschen sind noch nicht genügend entwickelt um zu wissen, wo Gott ist; Er ist nicht vor ihren Augen wie ihr Idol. Wie kann Jener, der nicht sichtbar ist, erkannt werden? Daher verneigen sich Menschen vor schönen Blumen, schönen Pflanzen, schönen Bäumen im Wald. Andere verneigen sich vor Felsen, die eine bestimmte Form aufweisen, die sie anzieht und ihnen die Sehnsucht hervorbringt, diesen bestimmten Felsen zu ehren; und so befriedigen sie die Sehnsucht ihrer Seele, sich zu verneigen und Respekt zu zollen.


Vor wem immer ich mich verneige,

ich verneige mich vor Deinem Thron.

 

Vadan - Alankaras


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