Forum Mai

Was wir im Inneren erschaffen (1)

aus: Hazrat Inayat Khan -

In an Eastern Rosegarden

(siehe auch Thema)

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Jeder Planet ist eine Welt, und jedes Gemüt ist auch eine Welt, eine lebendige Welt. Die Frage ist: Wenn wir unsere Welt schaffen und unser Leben formen, weshalb sollten wir da Unglück und Schwierigkeiten haben im Leben, weshalb Versagen, Scheitern im Leben?

Die Antwort ist, dass dies weder der Fehler des Schöpfers noch jener der Welt ist; der Fehler liegt in unserem Unwissen, unserem Mangel an Wissen.

Buddha beschreibt diesen Mangel an Wissen folgendermassen: Es ist, wie wenn wir uns an einem Baumast festklammern würden, in der dichten Dunkelheit der Nacht; so können wir nicht sehen, was unter uns ist, ob es Land oder Wasser ist – und so fürchten wir die ganze Zeit, herunterzufallen.

Wir klammern uns am Baumast fest und leiden vor Angst, wenn wir denken: ‘Wie lange werde ich mich noch halten können? Wann werde ich loslassen müssen?’ Und unter unseren Füssen können wir gar nichts sehen. So ist das Leben, bis das Licht kommt. Dann ist es wie ein Sonnenaufgang. Wenn sich die Sonne erhebt, können wir sehen, dass da kein Wasser und fast kein leerer Zwischenraum ist, der Boden ist nur ganz wenig unter unseren Füssen.

Das Land der Unsterblichkeit scheint so weit von uns weg. Doch wenn sich die Sonne des Wissens erhebt, können wir sehen, wie nah es ist, so nah. Wenn wir Menschen dies einmal wissen, muss uns niemand mehr Moral oder Tugend lehren; wir wissen, was uns gut tut, wohin wir gehen müssen; wir wissen, was wir geschaffen haben. Wir wissen, dass wenn wir grässliche Geister schaffen in unseren Gedanken, diese zu Monstern werden, die gegen uns arbeiten und unser ganzes Leben ruinieren werden. Doch wenn wir den Geist der Liebe und Freundlichkeit schaffen, werden uns andere in unserer Not helfen, und wir werden immer von Liebe und Freundlichkeit umgeben sein.

Wenn wir dies einmal verwirklichen, wird unser Leben umgewandelt; wir werden Heiler von Menschen, wir fühlen in der Not anderer mit; wir dienen denen, die in Schwierigkeiten sind; wir machen uns auf die Suche, ob wir nicht etwas tun, auf irgend eine Weise helfen können. Ein Wort mag helfen, ein Gedanke der Freundlichkeit und Mitgefühl hilft schon.

Was immer wir für andere tun, tun wir auch für uns selber, weil jeder Gedanke von Freundlichkeit, Güte oder Mitgefühl schafft eine Welt des Mitgefühls um ihn herum; und wir können nicht ohne dieses sein. Sogar wenn wir in ein Land reisen, wo uns niemand kennt oder versteht, können wir trotzdem Mitgefühl und Liebe anziehen, wenn wir diese in unserem Inneren geschaffen haben.

Dies zeigt, wie wichtig es ist, sorgfältig zu sein mit dem, was wir sagen. Wenn wir unter dem Bann von Zorn Dinge sagen wie: ‘Ich will sein Gesicht nie mehr sehen’, oder irgend ein böses Wort, dann werden wir uns wünschen, wir hätten dies nie gesagt oder getan, wenn der Bann einmal gewichen ist; nicht einmal gegenüber einem Feind möchten wir so etwas gesagt haben. Doch im Augenblick des Sprechens erkannten wir nicht, dass das, was wir schufen, nun lebt.

Was ein solcher Mensch geschaffen hat, wird ihm Angst einjagen, und er wird zu seinem eigenen Feind, und ebenso der Feind des Menschen, auf den er seine üblen Gedanken richtete. Nicht nur das, sondern er wird noch viel mehr solcher Gedanken schaffen. Wenn einmal ein übler Gedanke geschaffen wurde, im Geist von Zorn und Ärger, entstehen daraus tausend andere Geister der gleichen Art. Eine ganze Welt kann geschaffen werden, wenn in einem einzigen Augenblick der Schwäche das Ventil geöffnet wurde.

Alles, was wir in der äusseren Welt für unser Glück und unsere Behaglichkeit anhäufen und sammeln, ist beschränkt. Nicht einmal ein Tausendstel der Welt, die wir ‘besitzen’, können wir wirklich unser Königreich, unsere Welt nennen. Doch unser Gemüt kann zahllose Gedanken und Eindrücke schaffen und sammeln, und all diese schaffen die wahre Welt des Gemütes. All unsere Besitztümer, die wir im Leben ansammeln, werden wir eines Tages zurückgeben müssen, sie sind vergänglich; doch was wir in unseren Gedanken geschaffen haben, in unserem Gemüt, das wird leben.

Ein Mensch denkt: ‘Eines Tages werde ich eine Fabrik bauen’. An diesem Tag hat er weder Geld, noch Wissen, noch die Möglichkeit dazu; doch ein Gedanke kam: ‘Eines Tages werde ich eine Fabrik bauen’. Dann denkt er wieder an etwas anderes. Vielleicht vergehen Jahre, doch der Gedanke hat weitergewirkt, ohne Unterbruch, durch tausend Gemüter, und tausend Quellen bereiten für ihn das vor, was er sich einmal gewünscht hat.

Wenn wir zurückschauen könnten auf all das, was wir zu verschiedenen Zeiten gedacht haben, könnten wir erkennen, dass die Linie des Schicksals oder der Bestimmung, im Osten heisst sie Kismet, durch unsere Gedanken geformt wird. Gedanken haben uns auf das Glück oder das Unglück, das wir erfahren, vorbereitet. Die ganze Mystik rundet sich darin ab.

Wenn Gedanken dies erreichen können, kann dies auch Liebe oder Vorstellungskraft; sogar ein Traum kann sich erfüllen, entsprechend dem Eindruck, den er schafft. Die einen Gedanken sind wie Dinge, wie Objekte, andere Gedanken sind wie lebendige Wesen. Die einen Gedanken sind wie Engel an unserer Seite, und andere wie Teufel. Sie alle sind um uns herum, helfen uns entweder zur Erfüllung der Ziele vo runs, oder sie ziehen uns weg von dem, was wir erfüllen möchten.

Der eine Mensch hat einen Gedanken, und vielleicht ist das Resultat seines Gedanken sehr schwach; ein anderen trägt heute einen Gedanken, und morgen wird sein Wunsch erfüllt. Weshalb ist dies so? Es liegt an der Kraft des Gedankens. Im Gedanken des einen Menschen ist mehr Leben, und in jenem eines anderen ist weniger Leben.

Der Unterschied zwischen einem Objekt und einem lebenden Wesen ist, dass darin weniger oder mehr Leben ist. Wo Bewusstsein und Aktivität ist, das nennen wir Leben, und wenn einem Objekt Intelligenz und Bewusstsein fehlt, nennen wir es ein Ding. Doch sind in Wirklichkeit beide lebendig. Ein Mensch mit schwachem Willen hat keine Kraft in seinen Gedanken; und wenn er tausendmal denkt, hat dies doch keine Wirkung, weil ihm die Vitalität und Energie fehlt, die ein Gedanke zum Leben braucht.

Was ist die Vitalität, die einem Gedanken Leben gibt? Im Menschen ist es das Gleiche wie im Pflanzen- und Mineralreich. Im einen Fall ist das Leben an der Oberfläche, im anderen ist es verborgen. Deshalb sagen wir im einen Fall ‘Ding’, und ‘Wesen’ im anderen. Es gibt also tote Gedanken, und es gibt lebendige Gedanken; ob sie zur einen oder zur anderen Kategorie gehören, hängt von der Willenskraft ab. Wenn Willenskraft da ist, wird das Wort ausgesprochen und erfüllt.


Wenn Grossherzigkeit fehlt, bedeutet dies,

dass die Tore des Herzens geschlossen sind;

nichts kann von innen nach aussen gelangen,

und nichts von aussen kann hereinkommen.

 

Hazrat Inayat Khan: Gayan - Chalas


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