Ratgeber November

Erfüllen der Pflichten im Leben

aus: Hazrat Inayat Khan - Inner Life

(siehe auch Forum)

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Die Haltung eines Menschen, der das Innere Leben lebt, wird zu der eines Erwachsenen, der unter Kindern lebt. Auch wenn äusserlich Unterschiede wie zwischen Kindern und Erwachsenen nicht sichtbar sein mögen, der Unterschied liegt in der Grösse seiner Sichtweise, und die ist nicht immer erkennbar.

Der Mensch, der das Innere Leben lebt, wird viel älter als jene um ihn herum, und doch ist er äusserlich gleich wie jeder andere Mensch. Daher nimmt ein Mensch, der die Fülle des Inneren Lebens erreicht hat, eine andere Haltung an als jener der gerade erst auf diesem Pfad begonnen hat, und auch eine andere Haltung als jener, der intellektuell etwas über das Innere Leben weiss, und es doch nicht wirklich lebt.

Das Handeln in der Welt ist auch unterschiedlich, der Intellektuelle wird andere kritisieren, die nicht wissen, was er zu wissen glaubt; und er wird auf sie herunterschauen, mit Stolz und Einbildung, oder Verachtung, er wird denken, dass sie noch nicht jenes Geheimnis, jene Höhe erreicht haben wie er, und die er zu verstehen glaubt. Er will sich von den Menschen trennen und sagt, sie seien in ihrer Entwicklung zurückgeblieben, und er könne deshalb nicht mit ihnen zusammen sein. Er sagt: ‘Ich bin weiter entwickelt, ich habe nichts gemeinsam mit ihnen, sie sind anders, ich bin anders’. Er macht sich lustig über die unbedeutenden Vorstellungen jener, die um ihn herum sind, und betrachtet sie als Menschen, mit denen er sich nicht abgeben sollte, nicht an ihren Handlungen teilnehmen sollte, weil er so viel weiter entwickelt sei als sie.

Doch für jenen, der zur Fülle des Inneren Lebens kommt, ist es eine grosse Freude, bei seinen Mitmenschen zu sein, ebenso wie es für Eltern ist, wenn sie mit ihren kleinen Kindern spielen. Die besten Augenblick in ihrem Leben sind, wenn sie sich selber mit ihren Kleinen als Kinder fühlen und sie an ihren Spielen teilnehmen können.

Liebevolle und gütige Eltern werden, wenn ihnen ein Kind eine Puppentasse bringt, vorgeben, dass sie Tee trinken, und dass sie den Tee sehr geniessen; sie möchten nicht, dass das Kind denkt, sie seien überlegen, oder dass dies etwas sei, an dem sie nicht teilhaben sollen. Sie spielen mit dem Kind, und sie sind glücklich dabei, weil das Glück der Kinder ist auch ihr Glück

.Dies ist die Haltung des Menschen, der das Innere Leben lebt, und aus diesem Grund harmoniert er mit Menschen aller Entwicklungsstufen und gibt ihnen recht, was immer ihre Vorstellungen, Gedanken, Glaubensrichtung oder Überzeugung ist; in welcher Form auch immer sie etwas oder jemanden anbeten, oder ihren religiösen Enthusiasmus zeigen.

Er sagt nicht: ‘Ich bin weiter vorangeschritten als ihr, und mit euch zusammen zu sein würde bedeuten, rückwärts zu gehen’. Jemand, der so weit fortgeschritten ist, kann nie zurückgehen, doch wenn er mit ihnen ist, kann er sie mitnehmen, voran. Wenn er allein voranginge, würde er es so verstehen, dass er seiner Pflicht ausgewichen sei gegenüber seinen Mitmenschen, die er eigentlich hätte annehmen sollen.

Der leere Krug bringt einen Klang hervor, wenn wir darauf klopfen, doch der Krug, der voller Wasser ist, wird keinen Ton von sich geben; er ist still, sprachlos. So leben die Weisen unter den Menschen dieser Welt, und sie sind nicht unglücklich. Jener, der alle liebt, ist nicht unglücklich. Unglücklich ist jener, der mit Verachtung auf die Welt schaut, der Menschen hasst und denkt, er sei ihnen überlegen; wer sie liebt, denkt nur, dass sie durch den gleichen Prozess gehen, wie er es getan hat. Aus der Dunkelheit heraus ist er zum Licht gelangt. Dazwischen liegt nur ein Unterschied von Augenblicken; und er geht durch diese Augenblicke mit grosser Geduld, während seine Mitmenschen noch in der Dunkelheit leben, doch wird er ihnen nicht zu verstehen geben wollen, dass sei in Dunkelheit leben, noch will er, dass sie darüber verletzt sein sollen, noch wird er mit Verachtung auf sie schauen; er wird nur denken, dass es für jede Seele eine Kindheit, eine Jugend und eine Reife gibt.

So ist es für jeden Menschen natürlich, durch diesen Prozess zu gehen. Ich habe mit meinen eigenen Augen Seelen gesehen, die Heiligkeit und eine grosse Vollkommenheit erreicht haben; und doch wird eine solche Seele vor einem Steingötzen stehen mit einem Mitmenschen, und diesen anbeten; sie wird ihn nicht wissen lassen wollen, dass sie auf irgendeine Weise weiter entwickelt sei als andere Menschen, sie trägt ein bescheidenes Kleid, ohne jeden Anspruch darauf, dass sie in ihrer inneren Entwicklung weiter fortgeschritten sei. Je weiter solche Seelen gehen, desto bescheidener werden sie; je grösser das Mysterium, das sie verwirklicht haben, desto weniger sprechen sie darüber.

Ein Mensch muss sich selber verwirklichen, entweder als Etwas oder als Nichts. In der Verwirklichung des Nichts liegt die Innere Verwirklichung. Wenn wir etwas über die Inneren Gesetze der Natur wissen und stolz sind darauf, oder wir diesen Sinn pflegen, der denkt: ‘Wie gut bin ich doch, wie freundlich, wie grosszügig, mit welch guten Manieren, wie einflussreich, oder wie attraktiv’ – wenn sich der kleinste solcher Gedanken ins Gemüt schleicht, er schliesst die Tore, die zum Inneren Leben führen. Es ist eigentlich ein so einfacher Pfad, auf dem wir gehen, und doch so schwierig. Stolz ist einem Menschen höchst natürlich. Wir können eine Eigenschaft mit tausend Worten verneinen, doch wir müssen sie in unserem Gefühl anerkennen, weil das Ego selber Stolz ist. Stolz ist das Ego; wir Menschen können nicht ohne es leben.

Um Inneres Wissen zu erlangen, um uns bewusst zu werden über das Innere Leben, müssen wir nicht sehr viel lernen, weil wir hier das ins Bewusstsein bringen, was wir schon wissen; wir müssen es nur für uns selber entdecken. Weil für das Verständnis des Inneren Wissens müssen wir kein anderes Wissen haben als das über uns selber. Wir erwerben das Wissen des Selbst, das in uns selber liegt, so nahe und doch so weit weg.

Die Aufgabe, die wir erfüllen sollen, bedeutet, uns selber vollständig zu vergessen und in Harmonie zu sein mit unseren Mitmenschen; zu handeln in Einigkeit mit allen, jedem auf seiner Ebene zu begegnen, zu jedem in seiner ihm vertrauten Sprache zu sprechen, das Lachen unserer Freunde mit einem Lächeln zu beantworten, und das Leid eines anderen mit Tränen, bei unseren Freunden zu stehen in ihrer Freude und ihrem Leid, was immer unser Grad der Entwicklung sein mag.

Wenn ein Mensch in seinem Leben wie ein Engel würde, könnte er nur wenig vollbringen; was am Erstrebenswertesten ist für uns liegt darin, die Verpflichtungen des menschlichen Lebens zu erfüllen.


Nichts was ich tue, wäre zu demütigend für mich;

und es gibt keine noch so hohe Position,

die mich stolzer machen könnte als das,

worauf ich schon bin, stolz auf meinen Herrn.

 

Hazrat Inayat Khan: Gayan - Gamakas


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