Ratgeber Februar

Der Sufilehrer, der seine Meinung änderte

aus: Hazrat Inayat Khan

Path of Initiation

(siehe auch Forum)


Da war ein grosser Sufilehrer in Indien, er hatte Tausende von Anhängern, die sehr hingebungsvolle Schüler waren. Eines Tages sagte er zu ihnen: „Ich habe meine Meinung geändert.“ Und die Worte ‚Meinung geändert‘ überraschte sie sehr, sie fragten ihn: „Was ist denn los, wie ist es möglich, dass du deine Meinung geändert hast?“ Er sagte: „Ich spüre, dass ich hingehen und mich vor der Göttin Kali niederwerfen muss.“ Und diese Leute, unter ihnen waren Doktoren und Professoren, hochqualifizierte Menschen, konnten diese Laune nicht verstehen, dass ihr grosser Lehrer, in den sie so viel Vertrauen hatten, in den Tempel von Kali gehen wollte und sich vor der Göttin mit dem hässlichen Gesicht niederwerfen wolle, er, ein gottverwirklichter Mann, in den sie solches Vertrauen hatten! Und die tausend Schüler verliessen ihn alle und dachten: „Was ist dies? Es ist gegen die Religion des formlosen Gottes, sogar gegen die Lehren dieses grossen Sufi selber, dass er hingehen und die Göttin Kali anbeten will!“

Es blieb nur ein einziger Schüler da, ein Jugendlicher, der seinem Lehrer sehr zugetan war, und er folgte ihm, als er zum Tempel von Kali ging. Der Lehrer war sehr froh, diese tausend Schüler loszuwerden, die voller Wissen, voll von ihrem Lernen waren, doch ihn nicht wirklich kannten; es war ihm recht, dass sie ihn verlassen hatten. Und als sie zum Tempel gingen, sprach er dreimal zu diesem jungen Mann und fragte: „Weshalb gehst du nicht weg? Schau mal diese tausend Leute, die solches Vertrauen und so viel Bewunderung hatten, und nun habe ich nur ein einziges Wort gesagt, und alle sind gegangen. Weshalb gehst du nicht mit ihnen? Die Mehrheit hat recht.“ Doch der Schüler ging nicht, sondern folgte ihm weiter. Und durch all diese Dinge empfing der Lehrer grosse Offenbarungen, und eine Erkenntnis, wie seltsam die menschliche Natur ist, wie schnell Menschen angezogen werden und wie schnell sie wieder wegfliegen. Es war ein so interessantes Phänomen, das Spiel der menschlichen Natur zu erkennen, so dass sein Herz voller Mitgefühl war, und als sie beim Tempel von Kali ankamen, ergriff ihn eine solche Ekstase, dass er hinfiel und sein Haupt tief neigte. Und der junge Mann, der ihm gefolgt war, tat das gleiche.

Als er sich erhob, fragte er diesen Jungen wieder: “Weshalb verlässt du mich nicht, wenn du siehst, dass all diese tausend Menschen gegangen sind? Weshalb folgst du mir weiter?“ Der junge Mann antwortete: „Es gibt nichts in dem, was Sie getan haben, das gegen meine Überzeugung wäre, weil Sie mich als Erstes gelehrt haben, dass es ausser Gott nichts gibt. Wenn dies wahr ist, ist dieses Bild nicht Kali, es ist auch Gott. Was macht es für einen Unterschied, ob ich mich Richtung Osten oder Westen, zur Erde oder zum Himmel verneige? Wenn nichts existiert ausser Gott, da gibt es nichts als Gott, vor dem ich mich verneige, sogar wenn ich mich vor Kali verneige. Dies war die erste Lektion, die Sie mich lehrten.“ All diese gelehrten Menschen hatten die gleiche Lektion erhalten, sie waren alle Schüler und sehr intelligent, doch konnten sie jenen Hauptgedanken nicht erfassen, der im Zentrum aller Lehren stand.

Dieser junge Mann wurde später einer der grössten Sufilehrer in Indien, Khwaja Moin-ud-Din Chishti. Jedes Jahr gehen tausende von Menschen aller Religionen auf Pilgerreise zu seinem Grab in Ajmer, Hindus, Muslime, Juden und Christen. Für den Sufi sind alle Religionen eine.


Wenn der Mensch wählen muss zwischen seinem geistigen und materiellen Profit,

zeigt er, ob sein Schatz im Himmel oder auf Erden ist.

Hazrat Inayat Khan - Gayan - Chalas