Ratgeber Mai

Was ist das Fegefeuer?

aus: Hazrat Inayat Khan -

The Soul Whence and Whither

(siehe auch Forum)


Leben und Tod sind gegensätzliche Aspekte des Einen, und dies ist der Wandel. Wenn etwas von ‚Tod‘ bei der Seele bleibt, wenn sie sich von dieser Erde gelöst hat, ist es der Eindruck des Todes, und er entspricht der Vorstellung, die sie vom ‚Tod‘ festhielt. Wenn die Seele sich über den Tod entsetzt hat, trägt sie dieses Entsetzen mit sich. Wenn sie die Vorstellung des Todes aufwühlt, trägt sie dieses Gefühl mit sich; die Seele, die weitergeht, trägt auch den Eindruck der Vorstellung und Achtung für den Tod jener mit sich, die sie im Leben umgeben haben, besonders während der Zeit des Übergangs von dieser Erde. Dieser Wandel paralysiert für eine gewisse Zeit jede Beweglichkeit der Seele. Die Seele, die von der Vorstellung, die sie über den Tod hielt, beeindruckt worden ist, und vom Eindruck, die jene schufen, die um das Todbett waren, wird in einem Zustand der Ungewissheit festgehalten, die wir Angst, Schrecken, Depression oder Enttäuschung nennen können.

Die Seele braucht eine gewisse Zeit, um sich von diesem Gefühl des Betäubtseins zu erholen; dies könnte Fegefeuer genannt werden. Wenn sich die Seele einmal von diesem Zustand erholt hat, beginnt sie voranzugehen, sie reist auf den Pfaden zum Ziel hin, die sie zuvor gelegt hatte. Wie viele Seelen glauben törichterweise an die Vorstellung des Todes und tragen sie mit sich, während sie sich von dieser Erde lösen, auf ein Leben zu, das ein noch viel grösseres Leben ist! Und wie viele Seelen finden wir in der Welt, die glauben, dass der Tod das Ende des Lebens sei; ein Glaube an Sterblichkeit, die in ihren Gemütern nicht ausgerottet werden kann! Die gesamte Lehre von Jesus Christus hat als zentrales Thema das Entfalten, das Verwirklichen der Unsterblichkeit.

Was ist das Fegefeuer? Die Sufis nennen es Naza, eine Aufhebung von Aktivität. Wenn es irgendeinen Tod gibt, ist es Stehenbleiben und Inaktivität. Wie eine Uhr, die für eine gewisse Zeit angehalten wird; sie braucht das Aufziehen und eine nur schon kleine Bewegung setzt eine Uhr wieder in Bewegung. Und so kommt auch der Impuls des Lebens; nachdem er diese Wolke der Sterblichkeit durchbrochen hat, verhilft er der Seele, nach der Dunkelheit der Nacht das Tageslicht zu sehen. In der Sprache der Sufis wird dies Nahazat genannt. Und was sieht die Seele in diesem hellen Tageslicht? Sie sieht sich so lebendig wie zuvor, sie trägt den gleichen Namen, die gleiche Form und so strebt sie voran.

Die Seele findet eine grössere Freiheit auf dieser Ebene, und weniger Beschränkung als jene, die sie zuvor in ihrem Leben auf Erden erfahren hat. Vor der Seele liegt nun eine Welt, eine Welt, die ihr nicht fremd ist, sondern jene, die sie sich während ihres Lebens auf Erden geschaffen hat. Das, was die Seele als Gemüt kannte, genau dieses Gemüt wird nun für die Seele zur Welt; das, was die Seele auf Erden Einbildung, Vorstellung nannte, ist nun für sie Wirklichkeit.

Wenn diese Welt künstlerisch ist, ist es die Kunst, die die Seele hervorgebracht hat. Wenn es ihr an Schönheit mangelt, verursachte die Seele auch dies während ihrer Zeit auf Erden. Das Bild von Jannat, dem Paradies, die Vorstellungen vom Himmel, und die Vorstellung der tieferen Regionen wird nun für die Seele zur Erfahrung.

Wird die Seele zum einen oder anderen Ort gesandt, zu den vielen, die da jubeln oder dort für ihre Sünden leiden? Nein, dieses Königreich hat sich die Seele selber geschaffen während ihrer Zeit auf Erden, wie es Geschöpfe gibt, die sich eine Nesthöhle bauen für den Winter. Das unmittelbare Jenseits ist Winter für die Seele. Sie verbringt diesen Winter in der Welt, die sie sich selber entweder angenehm oder unangenehm geschaffen hat. Wir mögen uns fragen: ‘Lebt die Seele in dieser Welt, die sie geschaffen hat, ein einsames Leben?’ Nein, wie könnte es einsam sein? Das Gemüt, dessen Geheimnis nur so wenige auf dieser Welt kennen, kann so gross wie die Welt sein, und sogar noch grösser. Dieses Gemüt kann alles umfassen, was in dieser Welt existiert, und sogar alles, was das Universum in sich birgt; auch wenn die einen vielleicht sagen: ‚Was für ein wunderbares Phänomen; ich hätte nie gedacht, dass das Gemüt so gross sein könnte; ich dachte, mein Gemüt sei sogar kleiner als mein Körper, es sei irgendwo in einer Ecke meines Hirns verborgen.‘


Fegefeuer ist jener Zustand, den das Gemüt erfährt

zwischen der Geburt eines Gedankens und seiner Verwirklichung.

Hazrat Inayat Khan: Gayan - Chalas


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